Warum ist Landschaft schon? Die Spaziergangswissenschaft - Over de promenadologie - Lucius Burckhardt

€ 21.95

Waarom  is landschap mooi? Duitstalige teksten van de Zwitserse socioloog Lucius Burckhardt over landschap, kunst en esthetiek en de theorie van de  'promenadologie', de wetenschap van het wandelen, of in het Engels de 'strollology'.


Warum ist Landschaft schön? Die Spaziergangswissenschaft
Hrsg. von Markus Ritter und Martin Schmitz. Anstelle eines Vorwortes: Hans Ulrich Obrist im Gespräch mit Annemarie & Lucius Burckhardt. Martin Schmitz Verlag


Lucius Burckhardt begründete in den 1980er Jahren die Promenadologie, die Spaziergangswissenschaft oder engl. auch Strollology. Das neue Fach entwickelte er zu einer komplexen und weitblickenden Planungs- und Gestaltungswissenschaft. Die Promenadologie ist der Ausgangspunkt für eine realistische Haltung zur Wahrnehmung und Wirklichkeit, für ein anderes Verständnis von Landschaft und urbanem Raum, sowie für eine neue Architektur und Planung. Dieses Buch führt anhand einer Auswahl der Texte von Lucius Burckhardt über Landschaft, Natur und Ästhetik in die Grundlagen und die Theorie der Spaziergangswissenschaft ein.

 

       
Promenadologische Betrachtungen über die Wahrnehmung der Umwelt und die Aufgaben unserer Generation (1996)

Nie hat man sich so sehr um die Ästhetik der Umwelt gekümmert wie heute; nie waren so viele Kommissionen mit Bewilligungsverfahren beschäftigt, nie gab es so potente Vereinigungen zum Schutze der Umwelt, der Landschaft, der Heimat, der Denkmäler, noch nie war es so schwierig, einen Neubau in eine historische Umgebung zu setzen oder an eine Stelle, wo noch Reste früherer Gärten oder Landwirtschaft zu sehen sind. Aber trotz aller Schutzbestimmungen, Verfahren und abgelehnter Baugesuche wächst ständig die Klage über die Verhässlichung der Umwelt und die Zerstörung der Landschaft.
Meine Wissenschaft, die dieses Phänomen zu analysieren versucht, nennt sich Promenadologie. Die Promenadologie befasst sich mit den Sequenzen, in welchen der Betrachter seine Umwelt wahrnimmt. Denn wir stehen ja nicht plötzlich am Piccadilly Circus oder vor der Cancelleria, vielmehr legen wir, wie auch immer, einen Weg dorthin zurück; wir verlassen unser Hotel an der Via Nomentana oder am Pincio, wir besteigen einen Bus oder rufen ein Taxi, jüngere Leute gehen zu Fuss, wir mustern die Strassen, überqueren Plätze, gehen ein Stück weit das Corso entlang, sehen vielleicht den Palazzo Vidone, Linotte, S. Andrea della Valle, und versehen mit dieser Vorinformation reiht sich auch die Cancelleria in das Bild von Rom. Ein Fallschirmabspringer, der in der engen und vollgeparkten Gasse vor der Cancelleria landen würde, käme zu ganz anderen architektonischen Eindrücken als wir.
In der alten Welt, der heilen Welt, erklärte dieser promenadologisch erwanderte Kontext jeweils ergänzend das besuchte Objekt. Die Cancelleria steht nicht irgendwo, in einem Park, auf einem Hügel, an einem grossen Platz mit zwei Brunnen davor; und wenn das 19. Jahrhundert eine Cancelleria-Kopie in dieser Weise aufgestellt hätte, dann hätte auch der dann gewählte Kontext, dann hätten die Auffahrten, Blumenbeete und Springbrunnen den Bau zu erklären geholfen: Eben als Kopie aus der Gründerzeit. Einem so von seinem Kontext gehaltenen Bau war es also relativ leicht, sich auszudrücken. Vieles ist ja schon gesagt: Wir sind in Rom und im Quartier der Nepoten-Paläste, oder: Wir sind an einem Boulevard in einem Geschäfts- und Verwaltungsquartier des 19. Jahrhunderts, oder: Wir sind in einem Park, den wir datieren können, und kommen nun zum Palast. Der architektonische Ausdruck, die Botschaft des Architekten, kann sich unter diesen Umständen auf den engen Bereich der stilistischen Erfindung beschränken; der Architekt kann das Stilideal erfüllen, oder er kann, zum Schrecken der Klassizisten und zur Freude von Robert Venturi, davon abweichen. Beide Botschaften kommen sicherlich beim Betrachter an, denn dieser ist ja durch den Spaziergang auf die Lektüre der Fassade vorbereitet.
Sprechen wir, als Promenadologen, einen Augenblick auch von der Landschaft. Im 19. Jahrhundert, im Zeitalter der Eisenbahn und ihrer Endstation, ist die Landschaft zu einem Postkartenbild zusammengeschrumpft: So
Ostende, so Scheveningen, so Interlaken, so die Insel Mont Saint-Michel. Der Spaziergang reduzierte sich auf die Wahl des Urlaubsortes, den Kauf der Fahrkarte, die Miete eines Hotelzimmers, dessen Fenster sich mit dem Postkartenbild deckte. Auch die Eisenbahnreise war auf ihre Art ein promenadologischer Kontext. Vor dem Eisenbahnzeitalter aber wurde Landschaft ganz anders erlebt: Der Weg war so wichtig wie das Ziel. Der Spaziergänger verlässt die Stadt zu Fuss oder zu Pferde, womöglich durch ein gemauertes Tor, er durchquert die Felder, sieht eine ihm fremde Bevölkerung an der Arbeit, überquert einen Fluss, betritt den Wald, erklimmt einen Hügel, er wählt einen anderen Weg zurück zu seiner Stadt, wo er abends, müde, den Seinen die Landschaft beschreibt: So ist es in Saint Germain, so ist es im Jura von Besançon, so ist der Wald von Fontainebleau.
Vieles von dem, was der heimgekehrte Spaziergänger erzählt, hatte er nicht gesehen, und vieles von dem, was er gesehen hatte, wird in seiner Erzählung weggeblendet. Das Bild, das er beschreibt, ist montiert aus Vorkenntnissen und Teilaspekten, die er auf dem Wege zusammengelesen hat. Dennoch ergibt sich ein ganz sicheres Wissen: Er kennt nun den Wald von Fontainebleau.
Findet er ihn schön? Natürlich, denn alles, was er unterwegs an ländlicher Wirtschaft und natürlichem Wachstum erblickt, ist schön. Die Poesie seit Teokrit und Horaz, die Malerei der alten Neapolitaner und Holländer hatten ihn auf diese Schönheit vorbereitet, ihn eingeübt.
Und noch etwas: er betrachtet diese Landschaft, im Sinne von Immanuel Kant, ohne Interesse. Interesse meint hier: Ohne die Absicht, daraus Profit zu schlagen. Weder sucht er Pilze noch einen geeigneten Ort, um einen Acker anzulegen. Vielmehr ermöglicht die Fremdheit des Städters dem Lande gegenüber die ästhetische Betrachtung.
Und nun möchte ich beschreiben, inwiefern und wieso unsere Generation, als die erste, gegenüber dem betrachteten Objekt, sei es ein Bau oder eine Landschaft, sich in einer neuen Situation befindet. Und wiederum ist die Erklärung promenadologisch: Nicht die Dinge selbst haben sich verändert, sondern der Kontext. Ich zähle einige der Veränderungen auf.
Zu vielen wichtigen Bauwerken kommt man tatsächlich auf ähnliche Weise wie der Fallschirmabspringer, nur eben von unten, nämlich aus der U-Bahn. Ich bin von der Gare de l'Est zur Station Louvre gefahren und befinde mich jetzt in der Rue de Rivoli. Wo bin ich? Was ist das? Und wie rasch verändert sich das Bild: Ich bin jetzt im Hof des Louvre, im Tuilerien-Garten. Ohne mein Vorwissen, meinen Plan, meinen gedruckten Fremdenführer komme ich nicht zurecht.
Ich parkiere mein Auto und nähere mich dem Stadtwald. Tankstellen, Fabriken, meist verlassene, ein Altgummihändler mit seinem Pneulager, ein Bauer, der von seinem Traktor aus ein weisses Pulver oder einen Dampf auf den Acker versprüht, schliesslich Bäume. Sind es ehrwürdige von der Zeit gebeugte alte Recken, oder herrscht hier das Waldsterben? Und wer ist schuld daran? Unter Umständen ich, so sagt man, insofern ich hier Auto fahre und zu Hause eine Zentralheizung habe. Und wer trinkt das Trinkwasser unter dem besprühten Acker? Auch ich. Ich bin also in das Geschehen verwickelt, keineswegs fremd und ohne Interesse, wie es Kant fordert.
Ein anderes Beispiel: Ich gehe in den Park, nehmen wir nochmals den Tuilerien-Garten. In historischen Zeiten durchquerte man die steinerne Stadt, die Stadt, in der jeder Quadratmeter ausgenützt wurde und in die der König, mit Hilfe seines Reichtums, eine grüne Oase eingefügt hat: Eben den Tuilerien Park. Ich komme also durch die steinerne Stadt, durchquere den Palast und stehe entzückt vor der kostbaren Anlage. Ganz anders präsentiert sich der Tuilerien-Garten seit dem 19. Jahrhundert: Wir kommen von den Champs Elysées, durchqueren die Anlagen, die in den Weltausstellungen entstanden sind, suchen uns zwischen Seine und Concorde einen Weg zum Eingang und befinden uns schliesslich in einer von den vorherigen Anlagen wenig abweichenden Umgebung. Das Erlebnis: „Ich betrete jetzt den Park“ ist verloren gegangen.
Und nun verlassen wir diese immerhin noch klassischen Situationen und schauen uns in jenen unendlichen Zonen um, welche wir die „Metropole“ nennen können. Es sind die Zonen, wo die Stadt gerne Land sein möchte, wo jeder, ob er nun ein Wohnhaus oder eine Fabrik errichtet, sich mit möglichst viel Grünem umgibt, und anschliessend die Zonen, wo das Land gerne Stadt werden möchte, wo jeder Bürgermeister einer Ortschaft einen Investor sucht, der ihm ein Hochhaus beschert oder mindestens einen Bahnhof mit einer unterirdischen Ebene für die Schiene, einem Fussgängergeschoss und einem Parkhochhaus. - Und nun meine Feststellung: In diesem, von den meisten Menschen bewohnten und besuchten Zonen unserer Lebenswelt ist der promenadologische Kontext, der zum Verständnis des Gesehenen führt, zusammengebrochen.
Wir sind also die erste Generation, bei welcher sich das ästhetische Erlebnis nicht automatisch einstellt. Vielmehr muss sich der Ort als ein ästhetisch gemeinter selber erklären. Wenn wir einen Park bauen, so kann sich dieser Park nicht mehr darauf verlassen, dass wir von der Stadt durch ein Tor in einen Garten gehen und also wissen, dass wir den Park besuchen: Vielmehr muss der Park nun in seiner inneren Gestaltung begründen, inwiefern er im Kontrast zur Umgebung steht. Er muss also, ohne dass wir uns fortbewegen, uns die promenadologische Erklärung geben: Du kommst von der Stadt in den Park.
Dasselbe gilt auch von der Architektur. Sie kann sich nicht mehr darauf verlassen, dass wir schon aus ihrer Lage einen grossen Teil ihrer Bedeutung erkennen, sodass sie dann nur, durch leise Abweichungen vom Stilideal, ihre Eigenheit aussagen muss: Im Bankenviertel bringt die neue Bank eine leise abweichende Note. Nein: im Vorort, integriert in teils grüne, teils betongestützte künstliche Niveaus, muss ein klimatisierter Kubus sich zu einer mehrfachen Aussage bequemen: Ich bin im Vorort, ich bin aber was Städtisches, ich bin eine Bank, diese Bank ist aber nicht wie alle anderen …
Noch einmal: Wir sind die erste Generation, die eine neue, eine promenadologische Ästhetik aufbauen muss. Promenadologisch deshalb, weil der Anmarschweg nicht mehr selbstverständlich ist, sondern weil er im Objekt selbst, darstellend, reproduziert werden muss. Diese mehrschichtige Aussage, die ein Bau, oder im andern Fall, eine gärtnerische Anlage oder eine gepflegte Landschaft erbringen müsste, kann nicht mehr durch den Geniestreich des Schöpfers erbracht werden. Die Aussage des potenten Architekten „Wo kein Ort ist, kreiere ich selber den Ort“ reicht nicht aus; genügend solche ästhetische Kakteen stehen schon herum, ja eben sie sind es, die zu der vielfach beklagten Verhässlichung der Umwelt entscheidend beigetragen haben. Vielmehr ist hier gestalterische Intelligenz gefragt, Intelligenz, die eben die doppelte Aussage, die Kontext-Information und die eigene des Objektes zugleich vermittelt.
Aus: Lucius Burckhardt: Warum ist Landschaft schön? - Die Spaziergangswissenschaft

 


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